Martin Kießling (1897–1963) – Porzellanmaler in Meißen
Die gesicherten Angaben
Martin Kießling wurde am 20. Dezember 1897 in Eibau in der Oberlausitz geboren und starb am 14. Januar 1963 in Meißen; er war evangelisch. Sein Vater war der Steinhauer Ernst Hermann Kießling (1860–1951) aus Eibau, seine Mutter Marie-Louise, geborene Döring (1861–1944); die Eltern heirateten am 27. September 1885 in Eibau. Martin war das fünfte von sieben Kindern und der ältere der beiden Söhne. Er heiratete die Schneiderin Margarethe Elisabeth Mittag (1890–1968) aus Meißen, die sieben Jahre älter war als er. Dass die Ehe bestand, ist gesichert; ein Trauungsdatum ist nicht überliefert. Sie muss vor 1925 geschlossen worden sein, dem Geburtsjahr des ersten Kindes. Aus der Ehe gingen zwei 1925 und 1929 in Meißen geborene Söhne hervor. Von Beruf war er Porzellanmaler und Bildhauer; seine Neigungen galten dem Schachspiel und der Familienforschung.
Wie auf dieser Seite mit Quellen umgegangen wird
Genealogie ist nur so gut wie ihre Belege, und Belege sind ungleich stark. Deshalb wird bei jeder strittigen Angabe gesagt, worauf sie beruht: auf einer Urkunde (Kirchenbuch- oder Standesamtseintrag, also einer Aufzeichnung aus dem Ereigniszeitraum), auf gedruckter Fachliteratur, auf Familienüberlieferung ohne Urkunde (mündliche Auskunft, beschriftete Fotografien, handgezeichnete Tafeln) oder auf einer unbestätigten Annahme. Widersprüche werden nicht geglättet: Beide Werte werden genannt, der wahrscheinlichere begründet, und es wird gesagt, welches Dokument die Frage entscheiden würde. Was hier steht, ist damit überprüfbar – auch dort, wo es unfertig ist.
Der Beruf: Porzellanmaler in Meißen
Martin Kießling war über vierzig Jahre Porzellanmaler in der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meißen. Zu seinen Dekoren gehörten Mingdrache und Hofdrache – zwei der bekanntesten Muster des Hauses. Der rote Hofdrache geht auf ostasiatisch angeregtes Porzellan des sächsischen Hofes zurück; der Mingdrache zählt bis heute zu den Meißner Klassikern. Wer sie über vier Jahrzehnte ausführt, gehört zum festen Stamm der Malerei: Diese Dekore sind Spezialistenarbeit, die nicht nebenher erlernt wird.
Die Familienüberlieferung, die das festhält, wird von zwei unabhängigen Beobachtungen gestützt. Zum einen der Lebensweg selbst – ein Handwerkersohn aus der Oberlausitz, der nach Meißen zieht, dort heiratet und bis zu seinem Tod 1963 in der Stadt bleibt, in der die Manufaktur der große Arbeitgeber der Porzellanmalerei war. Zum anderen eine Fotografie von etwa 1924: Sie zeigt ihn am Schachbrett mit Herbert Neuhaus, der im Mai 1945 als Direktor der Manufaktur eingesetzt wurde und den Betrieb mit zunächst rund 200 Beschäftigten, darunter etwa 50 Malern, wieder in Gang brachte. Seine Amtszeit ist sogar an der Marke ablesbar: Er ließ den gekreuzten Schwertern einen kleinen Bogen unter den Griffen geben, der 1946 wieder aufgegeben wurde (Fachliteratur zur Manufakturgeschichte). Zwei Männer, die 1924 gemeinsam über einem Brett sitzen und von denen einer später das Werk leitet, teilen erkennbar dasselbe berufliche Umfeld.
Familienzeugnis, Lebensweg und Bildüberlieferung ergeben damit ein geschlossenes Bild. Was der Sammlung noch fehlt, ist nicht die Gewissheit, sondern das Archivblatt dazu: Lehrvertrag, Lohnliste oder Belegschaftsverzeichnis des Werkes. Solche Unterlagen zu beschaffen, ist eines der nächsten Ziele dieser Forschung – sie würden über den Nachweis hinaus auch Lehrjahre, Abteilungen und Beschäftigungszeiten im Einzelnen erschließen.
Was die Arbeit verlangte. Porzellanmalerei kennt zwei Verfahren. Bei der Unterglasurmalerei wird die Farbe auf den ungeglasten Scherben aufgetragen und mitgebrannt; sie muss den hohen Brand überstehen, weshalb nur wenige Farben in Frage kommen – das Zwiebelmuster gehört hierher. Bei der Aufglasurmalerei liegt die Farbe auf der fertigen Glasur und wird in einem niedrigeren Brand eingeschmolzen; erst sie öffnet die volle Palette, zu der auch die Rot-, Grün- und Schwarztöne der Drachendekore zählen. Die Farben selbst sind Metalloxide, in Glasmasse eingeschmolzen, gemahlen und mit Öl angerieben; im Pinsel zeigen sie nicht den Ton, den sie nach dem Brand haben. Der Maler muss das fertige Bild im Kopf haben, bevor der Ofen es sichtbar macht – und er malt auf gewölbte Flächen, auf denen sich eine Zeichnung verzieht, die auf dem Papier stimmt. Der zweite überlieferte Beruf, Bildhauer, fügt sich in die Familie: Der Vater war Steinhauer, ein jüngerer Bruder wurde Steinbildhauermeister.
Die Linie: vom Weberdorf in die Manufakturstadt. Familiengeschichte lässt sich auch an den Berufen ablesen.
Eibau, 1352 erstmals urkundlich genannt und als Waldhufendorf angelegt (Dorfform mit langen, vom Bach aus in den Wald reichenden Landstreifen je Hof), liegt im Süden der Oberlausitz, einer Landschaft, die über Jahrhunderte von der Leinenweberei lebte – zunächst als winterlicher Nebenerwerb der Bauern, später als Haupterwerb ganzer Dörfer. In dieser Welt stehen die ältesten belegten Vorfahren: Johann Christian Kießling, gestorben am 28. Juni 1772 in Eibau, und sein Sohn Johann Gottlieb (1759–1843). Für Johann Gottlieb überliefert die Familientafel den Beruf „Gedingehäusler zu Mittelleutersdorf". Häusler waren Besitzer eines Hauses mit wenig oder keinem Feld, die ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Handwerk oder Lohnarbeit bestritten; der Zusatz Gedinge verweist auf eine vertraglich vereinbarte Leistung. Die genaue Bedeutung der Zusammensetzung ist regional unterschiedlich und hier noch nicht anhand eines Wörterbuchs oder einer Ortsakte abgesichert.
Mit dem 19. Jahrhundert wechselt das Material. Johann Gottfried Kießling (1794–1874) heiratete Johanne Eleonore Allmer aus Niederfriedersdorf. Sein Sohn Adam Ernst (1831–1882) ist als Steinmetz und Tischler geführt, dessen Sohn Ernst Hermann (1860–1951) als Steinhauer – nach der Familienüberlieferung als Steinmetzmeister mit eigenem Betrieb und eigenem Haus. Aus Flachs wird Stein, aus Stein in der nächsten Generation Porzellan.
Der eigentliche Bruch ist kein handwerklicher, sondern ein geographischer. Rund hundert Kilometer westlich, in Meißen, hatte die Porzellanmanufaktur 1863 die Albrechtsburg verlassen und war in Neubauten im Triebischtal gezogen. Ebendort, in der elterlichen Wohnung am Triebischdamm – der Straße, die 1891 in Wettinstraße umbenannt wurde –, kam am 2. August 1890 Margarethe Elisabeth Mittag zur Welt, Tochter des Maschinen-Monteurs Heinrich Hermann Mittag, der die Geburt zwei Tage später beim Standesamt Meißen anzeigte (Urkunde, Original in Familienbesitz). Der Oberlausitzer Handwerkersohn und die Meißner Schneiderin aus dem Manufakturviertel: In dieser Ehe treffen zwei sächsische Industrielandschaften aufeinander. Zur Herkunft der Braut siehe die Seite Mittag.
Schach: der Arbeiterschach-Verein Meißen
Die Beschriftung des Familienbestandes ordnet die Aufnahme von 1924 dem Arbeiterschach-Verein Meißen zu (Familienüberlieferung). Das ist keine Nebensache, sondern eine soziale Verortung. Der Deutsche Arbeiter-Schachbund bestand von 1912 bis 1933 und zählte zeitweise über 10.000 Mitglieder; sein erklärtes Ziel war neben dem Spiel die Bildung und geistige Selbstbehauptung der Arbeiterschaft. 1933 wurde er wie alle Arbeitersportverbände aufgelöst.
Martin Kießling steht damit in einer Bewegung, in der Facharbeiter sich ein Spiel aneigneten, das lange den Höfen, Universitäten und dem gehobenen Bürgertum vorbehalten war. Dass er daneben selbst Familienforschung betrieb, fügt sich ins Bild – und es hat Folgen für diese Seite: Wo ein Vorfahr selbst geforscht hat, entsteht Überlieferung, die weiterträgt als jede Erinnerung, die zugleich aber geprüft werden muss wie jede andere Quelle auch.
Was eine neu erschlossene Quelle beigetragen hat
Die bisherige Darstellung dieser Seite stützte sich auf den Bestand, der über Jahre zusammengetragen worden war – und sie hat sich bewährt: Ihre Angaben zu Johann Gottlieb und zu seinen Nachkommen bilden bis heute das Gerüst dieser Linie. Neu hinzugekommen ist eine handgezeichnete Nachfahrentafel aus Familienbesitz (eine Übersicht, die von einem Stammpaar ausgehend dessen Nachkommen verzeichnet). Sie hat die Oberlausitzer Generationen erheblich erweitert, bestätigt einen Großteil des vorhandenen Bestandes und schärft ihn an vier Stellen nach. Sie ist Überlieferung ohne Urkunde und stellenweise schwer lesbar; genau deshalb wird im Folgenden bei jeder der vier Stellen offengelegt, welcher Wert bis auf Weiteres gilt und woran sich die Frage endgültig entscheidet.
1. Martins Sterbetag. Die Tafel nennt den 24. oder 26. Januar 1963 – ihre eigene Angabe ist an dieser Stelle nicht sicher lesbar –, die ältere Familiensammlung den 14. Januar 1963. Vorrang hat der 14. Januar, weil eine Quelle, die sich zwischen zwei Werten nicht entscheiden kann, gegenüber einer eindeutigen Angabe zurücktritt. Entschieden wird die Frage allein durch die Sterbeurkunde des Standesamts Meißen von 1963.
2. Das Sterbejahr des Johann Gottlieb. Familiensammlung: 24. Februar 1843. Tafel: 24. Februar 1845, dazu der Ort Oberleutersdorf. Tag und Monat stimmen überein, strittig ist allein das Jahr. 1843 bleibt maßgebend, mit einem ausdrücklichen Vorbehalt: 1843 starb auch sein Bruder Johann Christian (1761–1843), sodass eine Verwechslung in beide Richtungen möglich ist. Entschieden wird die Frage durch die Sterbeeinträge der Kirchenbücher Leutersdorf und Eibau für 1843 und 1845.
3. Beruf und Wohnort des Johann Gottfried. Hier bringt die Tafel einen Gewinn an Genauigkeit: Sie ordnet die Angaben „Häusler und Weber" und „Neueibau" ausdrücklich seinem Bruder Christian Friedrich (geboren 1789) zu und nennt für Johann Gottfried selbst keinen Beruf. Beide Brüder rücken damit schärfer auseinander, als es bisher möglich war. Bis zum Kirchenbuchbeleg gilt die Berufsangabe deshalb als noch nicht entschieden – ein Fortschritt, denn die Weberei ist damit dort verankert, wo sie sicher hingehört: als prägende Wirtschaftsform dieser Landschaft und als belegter Beruf einzelner Familienmitglieder.
4. Die Stammmutter. Die als Ehefrau des 1772 verstorbenen Johann Christian überlieferte Anna Rosina Schöbel (1734–1801) beruht auf einer einzelnen, in sich unstimmigen Quelle und ist urkundlich nicht bestätigt. Sie wird als Annahme geführt, nicht als gesicherte Vorfahrin.
Hinzu kommt eine kleinere Abweichung von acht Tagen beim Geburtsdatum des älteren Sohnes; auch dort gilt der bisherige Wert bis zur Vorlage der Geburtsurkunde.
Die Forschungsgrenze – und wo es weitergehen muss
Jede Familienforschung stößt irgendwann auf eine Grenze, hinter der die Überlieferung abbricht. Hier liegt sie bei Johann Christian Kießling, gestorben am 28. Juni 1772 in Eibau. Bekannt sind Sterbedatum und Sterbeort, sonst nichts: kein Geburtsjahr, keine Herkunft, keine gesicherte Ehefrau. Alles Ältere ist offen. Neu ist immerhin, dass diese Grenze inzwischen genau vermessen ist – die Generationen davor sind vollständig beschrieben, die Lücke ist benannt.
Vier Wege führen weiter, in dieser Reihenfolge:
Kirchenbuch Eibau, Sterbeeinträge 1772. Sterbeeinträge des 18. Jahrhunderts nennen in der Regel Alter, Beruf und Herkunft des Verstorbenen. Damit wären Geburtsjahr und Herkunftsort in einem Zug gewonnen. Dies ist der Schlüsseleintrag.
Kirchenbücher Eibau, Neueibau und Leutersdorf, Tauf- und Traueinträge 1750–1800. Sie klären zugleich die Ehefrau, das strittige Sterbejahr 1843 oder 1845 und die Zuschreibung „Häusler und Weber".
Der abgehängte Zweig. Unter Christian Friedrich (geboren 1789) verzeichnet die Tafel einen namentlich nicht genannten Sohn und darunter dessen Kinder. Ohne diese Zwischenperson fehlt die tragende Verbindung, weshalb der Zweig nicht geführt wird. Zu suchen sind die Geburten dieser Zwischengeneration, etwa 1815 bis 1830, in Eibau und Neueibau.
Für Martin Kießling: die Manufakturunterlagen. Personalakten, Lohn- und Belegschaftslisten der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meißen und deren Überlieferung im sächsischen Archivwesen, ergänzend die Meißner Adressbücher. Sie sollen die vierzig Malerjahre im Einzelnen erschließen – Lehrzeit, Abteilungen, Dekore. Dazu kommen die Trauung Kießling ⚭ Mittag und die Sterbeurkunde von 1963.
Eine gute Nachricht für die weitere Arbeit: Die zweisprachige Überlieferungslage, die in der Oberlausitz vielerorts zu berücksichtigen ist, betrifft diesen Ort nicht. Eibau liegt südlich der historischen Sprachgrenze; sorbischsprachig war im 19. Jahrhundert die Gegend nördlich der Linie Bischofswerda–Wilthen–Löbau–Görlitz. Für Eibau ist also mit deutschsprachiger Kirchenbuchführung zu rechnen, was die Suche vereinfacht. Aufmerksamkeit verlangen dafür zwei andere Umstände: die wechselnde staatliche Zugehörigkeit der Oberlausitz und die daraus folgende Verteilung der Bestände auf verschiedene Archive – und die Namensgleichheit innerhalb der Familie. Mehrere Träger der Namen Johann Christian und Christian Friedrich in drei aufeinanderfolgenden Generationen sind hier der Normalfall; Verwechslungen sind deshalb nicht die Ausnahme, sondern das Hauptrisiko dieser Linie.
Quellen, Literatur und Stand
Verwendet wurden: die private Familiensammlung mit ihren Kirchenbuch- und Personenstandsangaben; die Geburtsanzeige des Standesamts Meißen von 1890 (Original in Familienbesitz); die handgezeichnete Nachfahrentafel Kießling (Eibau/Oberlausitz) aus Familienbesitz sowie eine beschriftete Fotografie desselben Bestandes; ferner allgemein zugängliche Darstellungen zur Geschichte des Meissener Porzellans, zum Deutschen Arbeiter-Schachbund und zur Ortsgeschichte Eibaus.
Der nächste Ausbauschritt dieser Seite ist die Absicherung der landes- und industriegeschichtlichen Aussagen an gedruckter Fachliteratur. Vorgesehen sind dafür Karlheinz Blaschke, Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen, für Ortsform und Verwaltungszugehörigkeit, Otto Walcha, Meißner Porzellan, für Manufaktur, Marken und Direktion, sowie Gerhard Willeke, Geschichte des deutschen Arbeiterschach, für die Vereinsgeschichte. Ergebnisse daraus werden hier nachgetragen.
Nachkommen der dargestellten Personen werden auf dieser Seite nicht behandelt; Angaben zu ihnen bleiben der nicht veröffentlichten Familiensammlung vorbehalten. Angaben ohne Beleg sind als offen gekennzeichnet.
Stand: 2026-08-01.
Bildbescheschreibung:
Martin Kießling am Schachbrett, Meißen, um 1924. Sepia-Fotografie auf Karton, Familienbesitz.
Drei Männer über einem Schachspiel, aufgenommen als gestelltes Gruppenbild: links Martin Kießling (1897–1963), den Kopf in die linke Hand gestützt, den Blick auf dem Brett; in der Mitte, jünger als die beiden anderen und mit gefalteten Händen, Herbert Neuhaus, der im Mai 1945 Direktor der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meißen werden sollte; rechts im Profil Fritz Schneider. Die Beschriftung des Familienbestandes ordnet die Aufnahme dem Arbeiterschach-Verein Meißen zu und hält für Martin Kießling über vierzig Jahre als Porzellanmaler mit den Dekoren Mingdrache und Hofdrache fest.
Die Aufnahme ist damit mehr als ein Familienbild: Sie zeigt zwei Männer der Meißner Porzellanwelt zwanzig Jahre vor dem Neuanfang von 1945 – den Maler der Drachendekore und den künftigen Direktor des Werkes – an einem gewöhnlichen Abend über dem Schachbrett.
