
Der Schatten des Petrus – Geistesgaben und ihre Prüfung in der frühen Kirche
Beobachtungen an den Quellen der ersten Jahrhunderte
In der Apostelgeschichte legten Menschen ihre Kranken auf die Straße, in der Hoffnung, der Schatten des vorübergehenden Petrus möge sie treffen; und sie wurden gesund (Apg 5,15-16). Anschaulicher lässt sich die Vollmacht der ersten Zeugen kaum fassen. Schon eine Generation später aber klingt die Überlieferung anders. Von Heilungen ist weiter die Rede, von Prophetie und Geisteswirken, doch seltener, vorsichtiger, mit wachsendem Misstrauen gegen die Schwärmerei. Wie ging die Kirche mit den Gaben des Geistes um, nachdem die Apostel gestorben waren? Eine einhellige Antwort gibt es bis heute nicht. Die folgenden Seiten befragen einige der wichtigsten Zeugnisse aus den ersten Jahrhunderten, ohne Vollständigkeit zu beanspruchen; sie wollen zeigen, was Christen damals erlebten, wie sie es deuteten und woran sie das Echte vom Falschen zu scheiden suchten.
Eine Vorbemerkung ist nötig, denn an ihr hängt die Tragfähigkeit des ganzen Bildes. Die altkirchlichen Schriftsteller sind historische Zeugen, nicht Heilige Schrift; ihr Wort wiegt nicht so schwer wie die Bibel. Sie schrieben überdies selten als unbeteiligte Berichterstatter. Meist waren sie Theologen und Seelsorger, oft auch Streiter gegen Gegner, deren Sicht uns nur in der Brechung durch ihre Kritiker erreicht. Vom Schweigen einer Quelle auf das Fehlen einer Sache zu schließen, ist deshalb riskant: Dass ein Autor eine Gabe nicht erwähnt, heißt nicht, dass es sie nicht gab. Wer diese Grenzen mitbedenkt, bekommt kein bequemes, aber ein belastbares Bild.
Am Ausgangspunkt steht eine Beobachtung, in der fast alle späteren Stimmen übereinkommen: Die Vollmacht der Apostel war außergewöhnlich und ließ sich nicht wiederholen. Jesus heilte, wer zu ihm kam; bei den Aposteln genügte zeitweise schon der Schatten oder das Schweißtuch, und die Kranken der umliegenden Städte wurden gesund. Das Neue Testament nennt die Apostel das Fundament der Kirche (Eph 2,20), und ein Fundament wird einmal gelegt, nicht in jeder Generation neu. An dieser Sonderstellung hielten auch jene fest, die von fortdauernden Gnadengaben berichteten. Wer nach den Aposteln heilte oder prophezeite, beanspruchte nicht, über dasselbe Maß an Vollmacht zu verfügen.
Im nachapostolischen Jahrhundert wird das greifbar. Die Didache, eine Gemeindeordnung aus dem späten ersten Jahrhundert, rechnet ganz selbstverständlich mit umherziehenden Propheten, die die Gemeinden besuchen. Im selben Atemzug nennt sie nüchterne Maßstäbe, an denen sich der echte vom falschen Propheten scheiden lässt, etwa die Frage, ob er für sich selbst Geld oder einen längeren Aufenthalt verlangt. Bejahung und Prüfung gehören von Anfang an zusammen. Beim Hirten des Hermas, einer visionären Schrift aus Rom, die zeitweise beinahe als kanonisch galt, ist es nicht anders: Ein eigener Abschnitt handelt von der Unterscheidung der Geister und erkennt den wahren Propheten an seinem demütigen, friedfertigen Wesen, nicht an spektakulärem Auftreten. Auch Papias, Vorsteher der Gemeinde im kleinasiatischen Hierapolis, sammelte um diese Zeit mündliche Überlieferungen und Berichte über ungewöhnliche Ereignisse. An ihm lässt sich eine verbreitete Ungenauigkeit berichtigen. Eusebius, der ihn überliefert, nannte ihn nicht einen Mann von geringer Geistesgabe, sondern von geringem Verstand, und dieses Urteil hing weniger an seinen Berichten als an seiner Erwartung eines tausendjährigen irdischen Reiches, die Eusebius nicht teilte. Schon hier wurden dieselben Quellen also verschieden bewertet.
Dass sich Geistwirken und kirchliche Ordnung damals keineswegs ausschlossen, zeigt eine kurze Szene bei Ignatius von Antiochien, den man um 110 als Gefangenen nach Rom brachte. In seinem Brief an die Gemeinde von Philadelphia erinnert er sich, wie er dort mitten in der Versammlung mit lauter Stimme gerufen habe, und er beteuert, nicht aus Kenntnis menschlicher Streitigkeiten gesprochen zu haben, sondern weil der Geist durch ihn rede. Der Inhalt dieses prophetischen Rufs war allerdings kein ekstatischer Überschwang, sondern ein Appell zur Einmütigkeit: Man solle sich an den Vorsteher, die Ältesten und die Diener der Gemeinde halten. In einer einzigen Person treffen sich hier die geistgewirkte Rede und das Werben für die geordnete Leitung. Vieles spricht dafür, dass die frühe Kirche Charisma und Amt nicht als Gegensätze empfand, sondern als zwei Seiten desselben Lebens. Zum Problem wurde diese Spannung erst später.
Das zweite Jahrhundert lässt zwei besonders klare Stimmen hören. Der gewichtigste Zeuge für fortdauernde Gaben ist Irenäus von Lyon, ein Schüler Polykarps. In seinem großen Werk gegen die Irrlehrer führt er ausgerechnet die Geisteswirkungen seiner eigenen Tage gegen die Gnostiker ins Feld: In der Kirche werde Kranken durch Handauflegung geholfen, böse Geister würden ausgetrieben, Menschen sähen Visionen und redeten prophetisch, manche sprächen in fremden Sprachen, und sogar Tote seien auferweckt worden und hätten danach noch Jahre unter den Gläubigen gelebt. Irenäus schwächt das nicht ab. Er nimmt es im Gegenteil als Beweis dafür, dass der Geist in der wahren Kirche wirkt und nicht bei den Irrlehrern. Vorsichtiger äußert sich Justin der Märtyrer, der christliche Philosoph: In seinem Gespräch mit dem Juden Tryphon stellt er fest, die prophetischen Gaben seien von Israel auf die Gemeinde übergegangen. Dass er das in einer Verteidigungsschrift sagt, die ihre eigene Absicht verfolgt, sollte man bei der Gewichtung im Hinterkopf behalten.
Um 165/170 entstand in Phrygien, im kleinasiatischen Binnenland, eine Bewegung, die sich selbst „die neue Prophetie" nannte und erst später nach ihrem Wortführer Montanus benannt wurde. Montanus und die Prophetinnen Priscilla und Maximilla nahmen für sich in Anspruch, der Heilige Geist rede unmittelbar durch sie. Sie kündigten neue Offenbarungen und das nahe Weltende an und verlangten eine strenge Askese. Die Bewegung fand rasch Anhänger. Anstoß nahm die Kirche vor allem an der Form. Die Propheten hätten, so der Vorwurf, in der ékstasis, der Ekstase, die Selbstbeherrschung verloren und Gott in der Ich-Form aus sich heraus sprechen lassen, im Widerspruch zu dem paulinischen Satz, dass die Geister der Propheten den Propheten untergeordnet sind (1 Kor 14,32). Mehrere altkirchliche Synoden verurteilten die Bewegung; ein zeitgenössischer Gegner argumentierte eigens, ein echter Prophet dürfe nicht unter Verlust seiner selbst reden. In der Auseinandersetzung betonte die Kirche dann verstärkt die geordnete Weitergabe geistlicher Vollmacht in der Nachfolge der Apostel.
Gerade beim Montanismus lohnt der Blick auf die neuere Forschung, denn fast alles, was wir über die neue Prophetie wissen, stammt von ihren Gegnern. Trevett und Tabbernee, der die lange verschollene Montanisten-Stadt Pepouza wiederfand, haben gezeigt, dass die Bewegung in ihrer Lehre weithin rechtgläubig war und der Konflikt sich weniger an einer Irrlehre entzündete als an Fragen der Autorität, des prophetischen Anspruchs und der Lebensführung. Das verschiebt das Urteil, ohne etwas zu beschönigen. Verurteilt wurde nicht der Glaube an wirksame Geistesgaben, sondern eine Prophetie, die sich der Prüfung entzog und neue Offenbarung neben die apostolische Botschaft stellte. Bezeichnend ist, dass sich ausgerechnet Tertullian, der schärfste lateinische Kopf seiner Zeit in Karthago, der Bewegung anschloss; er berichtet von einer Schwester seiner Gemeinde mit Offenbarungsgaben. Wo selbst ein solcher Denker diesen Weg ging, war die Frage offenkundig umkämpft. Die Linie, die sich daraus für heute ziehen lässt, ist schlicht: Geisteswirken, das sich über die Schrift stellt und sich der Prüfung verweigert, hat die frühe Kirche nicht gutgeheißen. Ebenso wenig hat die nüchterne Mitte die Gaben überhaupt bestritten.
Wie lebendig prophetisches Erleben noch im dritten Jahrhundert sein konnte, führt ein Blick nach Nordafrika vor Augen. Der Bericht vom Martyrium der jungen Perpetua, die um 203 in Karthago starb, hält ihre Gefängnisvisionen fest, darunter das Bild einer Leiter, die in den Himmel führt. Robeck hat herausgearbeitet, dass prophetische Erfahrungen in Karthago damals eher zunahmen, während sie anderswo abklangen, ein eindrückliches Zeugnis dafür, wie stark Ort und Zeit den Befund bestimmten. In dieselbe Welt gehört Cyprian von Karthago, Gemeindeleiter und Märtyrer, der sich in seinen Briefen von Visionen während der Verfolgungen leiten ließ und die Austreibung böser Geister als geübte Praxis voraussetzte. Weiter östlich beschrieb Origenes, der alexandrinische Gelehrte, die Lage abgewogen: Noch immer gebe es Spuren des Heiligen Geistes, noch immer geschähen Heilungen und Befreiungen von Dämonen, nur nicht mehr in der Fülle der Anfangszeit. Fortdauer und Nachlassen stehen bei ihm nebeneinander.
Im selben Jahrhundert zeichnet sich ab, wie das Geistwirken nach und nach in geordnete Bahnen tritt. Die unter dem Namen des Hippolyt überlieferte Gemeindeordnung, deren Verfasser die neuere Forschung für ungesichert hält und die sie eher als zusammengewachsenen Text betrachtet, bestimmt, dass einem Laien mit der Gabe der Heilung nicht eigens die Hände aufgelegt werden müssten, er also nicht ins Amt einzusetzen sei; seine Taten selbst würden zeigen, ob er die Wahrheit gesagt habe. Die Gabe wird anerkannt, aber vom Amt unterschieden. Hier liegt jene große Linie, die Hans von Campenhausen klassisch nachgezeichnet hat: Aus der ursprünglich pneumatischen, an die Person des Geistträgers gebundenen Vollmacht von Apostel, Prophet und Lehrer wird mit der Zeit das übertragbare Amt der Ältesten, vorangetrieben nicht zuletzt durch den Kampf gegen die Irrlehre. Stanley Burgess hat dieselbe Entwicklung als das wechselnde Verhältnis von Geist der Ordnung und Geist der Prophetie beschrieben.
Mit dem vierten Jahrhundert, als die Kirche gesellschaftlich ankommt, verschiebt sich der Ton noch einmal. Johannes Chrysostomus, Bischof von Konstantinopel, hält zu den Gnadengaben des ersten Korintherbriefs (1 Kor 12–14) schlicht fest, sie geschähen zu seiner Zeit nicht mehr; die Stelle sei dunkel geworden, weil man die damaligen Verhältnisse nicht mehr kenne, und das Verstummen führt er auf geistliche Verarmung zurück. Augustinus von Hippo wiederum durchläuft eine Entwicklung, die fast wie eine Selbstkorrektur aussieht. In jungen Jahren schreibt er, die Wunder seien nötig gewesen, um die Welt zum Glauben zu bringen, und man solle sie jetzt nicht mehr suchen. Im Alter sammelt er dann in seiner Diözese zahlreiche Berichte von Heilungen, legt ein Archiv dafür an und nimmt seine frühere Zurückhaltung ausdrücklich zurück, wobei er die apostolischen Wunder weiterhin von den selteneren späteren Ereignissen abhebt. Dass gerade der größte Lehrer des Westens seine Meinung revidierte, sollte jede vorschnelle Festlegung dämpfen.
Was ergeben diese Zeugnisse zusammengenommen? Kein geschlossenes Bild, und darin liegt ihr Wert. Einig sind sich die Quellen in der Einzigartigkeit der apostolischen Vollmacht; niemand beanspruchte, dieselbe umfassende Heilungsmacht zu besitzen. Prophetische und charismatische Erfahrungen werden durchgehend erwähnt, doch ihre Echtheit galt als prüfungsbedürftig, und der Ruf nach Unterscheidung reicht von der Didache bis zu Augustinus. Die Unterschiede nach Ort und Zeit waren beträchtlich; was Irenäus in Gallien bezeugte und Perpetua in Karthago erlebte, musste für Konstantinopel nicht gelten. Mit den Jahren traten geordnete Formen an die Stelle des Spontanen, bis hin zum eigenen Amt des Exorzisten. Eine förmliche Lehre vom vollständigen Ende aller Gaben hat die alte Kirche nirgends formuliert; viele aber beobachteten ein Nachlassen, das die Forschung um die Wende zum dritten Jahrhundert ansetzt. Kydd etwa zeichnet eine bis etwa 200 stark charismatisch geprägte Kirche. Was alle Stimmen verbindet, ist der Verweis auf die Souveränität Gottes: Wunder geschehen nach seinem Willen, nicht auf menschliches Geheiß.
Dass dieselben Zeugnisse verschieden gelesen werden, überrascht nicht. Die einen sehen eine grundsätzliche Fortdauer der Gaben in gewandelter Gestalt und verweisen darauf, dass nie ein offizielles Ende erklärt wurde. Andere erkennen ein deutliches Nachlassen und deuten es als göttliche Führung nach dem Abschluss des neutestamentlichen Kanons. Wieder andere beschreiben einen allmählichen Übergang vom spontanen Charisma zur geordneten Gestalt des Gemeindelebens. Auch die Schrift selbst wird hier verschieden gehört. Das paulinische Wort, die Prophetie werde aufhören, wenn „das Vollkommene" gekommen sei (1 Kor 13,8-10), bezieht die eine Seite auf den vollendeten Kanon, die andere auf die Wiederkunft Christi; eine bis heute offene Frage, die der historische Befund nicht entscheidet. Dass die Berichte über ungewöhnliches Wirken bis in die Gegenwart nicht abreißen, hat die jüngere Forschung breit zusammengetragen, am ausführlichsten Keener. Auch das hält die Frage offen, statt sie zu schließen.
Die frühe Kirche rang mit denselben Fragen, die Christen bis heute umtreiben. Woran erkennt man echtes Geistwirken und unterscheidet es von Selbsttäuschung? Welchen Platz haben außergewöhnliche Gaben im gewöhnlichen Gemeindeleben? Wie wahrt man die Mitte zwischen der Offenheit für Gottes Handeln und der Ordnung, die vor Missbrauch schützt? Einfache Antworten kannte schon das Altertum nicht. Zwei Dinge aber blieben unstrittig: der Vorrang der Schrift vor aller Prophetie und die Pflicht, alles zu prüfen und das Gute zu behalten (1 Thess 5,20-21). Verschiedene Christen machten verschiedene Erfahrungen und zogen verschiedene Schlüsse, und blieben doch in der Bindung an Christus beieinander. Vielleicht ist das die nüchternste Lehre dieser alten Texte: dass die Einheit der Kirche nie an der Antwort auf diese eine Frage hing, sondern an dem, der die Gaben gibt, wann und wie er will.
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Quellen: Didache · Hermas, Pastor · Ignatius von Antiochien, Brief an die Philadelphier · Eusebius, Historia Ecclesiastica · Irenäus, Adversus Haereses · Justin, Dialogus cum Tryphone · Passio Perpetuae et Felicitatis · Tertullian, De Anima · Traditio Apostolica (unter dem Namen Hippolyts überliefert) · Origenes, Contra Celsum · Cyprian, Epistulae · Johannes Chrysostomus, Homilien zum ersten Korintherbrief · Augustinus, De Vera Religione · Augustinus, De Civitate Dei · Hans von Campenhausen, Kirchliches Amt und geistliche Vollmacht in den ersten drei Jahrhunderten (1953) · Stanley M. Burgess, The Holy Spirit. Ancient Christian Traditions (1984) · Ronald A. N. Kydd, Charismatic Gifts in the Early Church (1984) · Cecil M. Robeck, Prophecy in Carthage. Perpetua, Tertullian, and Cyprian (1992) · Christine Trevett, Montanism. Gender, Authority and the New Prophecy (1996) · William Tabbernee, Prophets and Gravestones (2009) · Craig S. Keener, Miracles. The Credibility of the New Testament Accounts (2011)
Letzte Überarbeitung: Juni 2026