Heinrich Hermann Mittag: Leben in der Hochindustrialisierung

Heinrich Hermann Mittag - Maschinenmonteur im Meißner Triebischtal

Die gesicherten Angaben

Heinrich Hermann Mittag war Maschinenmonteur und lebte in Meißen. Verheiratet war er mit Louise Laura Mittag, geborener Moritz. Am 4. August 1890 zeigte er beim Standesamt Meißen die Geburt seiner Tochter Margarethe Elisabeth an, die zwei Tage zuvor, am 2. August 1890, in der Familienwohnung zur Welt gekommen war; als Wohnung nennt die Anzeige „Triebischdamm 651 G8". Ein Meißner Adressbuch führt ihn als „Mittag, Herm., Monteur" in der Wettinstraße 21. Beide Anschriften bezeichnen dasselbe Gebäude – es steht bis heute und trägt sein altes Katasterschild noch neben der modernen Hausnummer. Sein Geburts- und sein Sterbedatum sind nicht ermittelt. Als Geburtsort führt die Familiensammlung Meißen – urkundlich ist das bislang nicht bestätigt und wird hier als Annahme geführt. Damit steht er am dokumentierten Beginn dieser Linie: eine Person, von der eine Urkunde, ein Adressbucheintrag und ein Beruf überliefert sind, aber noch keine Herkunft.

Wie auf dieser Seite mit Quellen umgegangen wird

Es gilt dieselbe Konvention wie auf der Seite Kießling. Bei jeder strittigen Angabe wird gesagt, worauf sie beruht: auf einer Urkunde (Kirchenbuch- oder Standesamtseintrag, also einer Aufzeichnung aus dem Ereigniszeitraum), auf gedruckter Fachliteratur, auf Familienüberlieferung ohne Urkunde oder auf einer unbestätigten Annahme. Widersprüche werden nicht geglättet, sondern benannt, und es wird gesagt, welches Dokument die Frage entscheiden würde. Gerade eine Seite mit so schmaler Quellenbasis wie dieser muss offenlegen, wo die Belege aufhören und die Schlussfolgerungen anfangen.

Die Geburtsanzeige von 1890

Seit dem 1. Januar 1876 wurden Geburten, Ehen und Sterbefälle im Deutschen Reich nicht mehr allein kirchlich, sondern verbindlich durch staatliche Standesämter beurkundet (Reichspersonenstandsgesetz von 1875). Anzeigepflichtig war in erster Linie der eheliche Vater, und zwar binnen einer Woche. Heinrich Hermann Mittag meldete die Geburt seiner Tochter am zweiten Tag; die Frist war deutlich gewahrt. Dass das Kind in der Wohnung zur Welt kam, war 1890 der Normalfall – Klinikgeburten setzten sich erst Jahrzehnte später durch.

Für die Forschung ist diese Anzeige das tragende Stück dieser Seite. Sie belegt urkundlich das Geburtsdatum und den Geburtsort der Tochter, die Eltern-Kind-Verbindung, den Beruf des Vaters und die Wohnung der Familie. Und sie liefert mit der Wohnungsangabe genau jenen Anhaltspunkt, an dem sich zeigen lässt, wie viel Arbeit in einer scheinbar nebensächlichen Zeile stecken kann.

Eine Anschrift, zwei Namen

Triebischdamm und Wettinstraße galten bisher als zwei Wohnorte und damit als Beleg für einen Umzug innerhalb Meißens. Das ist nicht haltbar: Es handelt sich um dieselbe Straße unter zwei Namen – und um dasselbe Haus.

Sie entstand auf dem aufgeschütteten Damm, den die Regulierung der Triebisch hinterlassen hatte, und erhielt am 11. Oktober 1876 den Namen „Am Triebischdamm". Am 28. Januar 1891 wurde sie offiziell in „Wettinstraße" umbenannt, nach dem Fürstenhaus der Wettiner. Von 1945 bis 1996 hieß sie Karl-Liebknecht-Straße, seither wieder Wettinstraße.

Daraus folgt zweierlei. Erstens ist der Straßenname selbst ein Datierungsmerkmal: „Am Triebischdamm" war nur zwischen 1876 und 1891 amtlich, und die Geburtsanzeige von 1890 fällt in dieses Fenster. Zweitens lässt sich der Adressbucheintrag zeitlich eingrenzen – er muss nach dem Januar 1891 entstanden sein, denn vorher gab es keine Wettinstraße. Der Jahrgang des Adressbuchs ist damit auf die erhaltenen Bände ab 1893 eingegrenzt, ohne dass der Band selbst schon bestimmt wäre.

Und es bleibt nicht bei der Straße. Auch das Haus ist dasselbe, und das ist nicht erschlossen, sondern nachprüfbar: Das Gebäude Wettinstraße 21 trägt bis heute sein Katasterschild mit der Nummer 651, unmittelbar neben der heutigen Hausnummer. Die alte Nummer wurde bei der Umstellung nicht abgenommen, sondern blieb hängen, wie es in Sachsen vielfach geschah. Damit ist die Kette geschlossen: Die Wohnung, in der am 2. August 1890 Margarethe Elisabeth Mittag zur Welt kam, lag in dem Haus, das ein Adressbuch wenige Jahre später als Wettinstraße 21 führt, und dieses Haus lässt sich heute noch am Schild identifizieren. Ein Wohnungswechsel hat nie stattgefunden – gewechselt haben Straßenname und Nummerierungssystem.

Was die Zahl 651 bedeutet

„651 G8" ist keine Hausnummer. Straßenbezogene Hausnummern kamen in Meißen erst im Zusammenhang mit den Straßenumbenennungen der frühen 1890er Jahre auf. Bis dahin wurden Grundstücke in Sachsen nach dem Brandversicherungskataster gezählt – dem Verzeichnis der Gebäude bei der staatlichen Feuerversicherung. Es vergab eine fortlaufende Nummer je Ort, unabhängig von der Straße, und wurde bei Neubau, Abriss oder Teilung fortgeschrieben; dabei erhielten Grundstücke Buchstabenzusätze zu ihrer Nummer. Die Nummer hing also am Grundstück, nicht an der Straße, und je niedriger sie war, desto älter in der Regel das Haus.

„651" bezeichnet demnach ein Grundstück im Meißner Kataster, nicht das 651. Haus der Straße – die zählte 1891 im Abschnitt zwischen Eichgasse und Lessingstraße überhaupt erst dreizehn Häuser. Der Zusatz „G8" ist noch nicht abschließend geklärt. Zwei Erklärungen sind zu prüfen: die gewöhnliche Fortschreibung bei Grundstücksteilung, wie sie in Sachsen allgemein üblich war, oder eine Klassifizierung nach Bauart und Brandrisiko, die in den Katastern ebenfalls vorkommt. Welche zutrifft, entscheidet das Kataster selbst.

Dass diese Nummern überhaupt noch zu sehen sind, hat einen rechtlichen Grund: Die sächsischen Brandversicherungsvorschriften verlangten, die Katasternummer des Grundstücks dauerhaft und sichtbar am Hauptgebäude über dem Hauseingang anzubringen. Angebracht wurden dafür meist ovale Emailleschilder. Als die Straßenhausnummern eingeführt wurden, verschwanden die alten Schilder vielerorts nicht, sondern blieben neben den neuen hängen – in Meißen wie in anderen sächsischen Städten. Genau ein solches Schild sitzt an diesem Haus.

Die Meißner Adressbücher spiegeln den Übergang unmittelbar: Ihr Häuserverzeichnis – der nach Grundstücken statt nach Personen geordnete Teil des Buches – führt die Gebäude in diesen Jahren teils noch nach Katasternummer, teils schon nach Straße und Hausnummer. Für die Identität des Hauses braucht es dieses Verzeichnis nun nicht mehr; es bleibt aber der Weg zum Eigentümer, zu den Mitbewohnern und zum Jahrgang des abgebildeten Eintrags.

Der Beruf: Monteur

Monteure gehörten zur qualifizierten Facharbeiterschaft der Industriegesellschaft. Sie setzten Maschinen zusammen, richteten sie beim Kunden ein, warteten und reparierten sie. Das setzte eine gewerbliche Ausbildung voraus, technisches Verständnis und die Fähigkeit, vor Ort und ohne Anleitung einen Fehler zu finden. Anders als der Handwerker in der eigenen Werkstatt arbeitete der Monteur dort, wo die Maschine stand – in Fabriken, Werkstätten und Anlagen, häufig auch auswärts. Der Zusatz Maschinen-Monteur, den die Familiensammlung überliefert, grenzt das Feld ein: nicht Bau- oder Leitungsmontage, sondern Maschinenbau.

Eine Berichtigung in eigener Sache: Frühere Fassungen dieser Seite bezeichneten ihn an zwei Stellen als Maschinenmeister – die Aufsichtsstellung über den Maschinenbetrieb eines Werkes. Dafür gibt es keinen Beleg; Urkunde und Adressbuch nennen übereinstimmend den Monteur. Die Angabe ist hiermit korrigiert.

Das Triebischtal

Die Wohnlage passt zum Beruf. Die spätere Wettinstraße führt am Ufer der Triebisch durch einen Stadtteil, der sich in eben diesen Jahren zum Industrie- und Arbeiterviertel entwickelte. Die Porzellanmanufaktur – bis 1918 königlich, danach staatlich – hatte 1863 die Albrechtsburg verlassen und war in Neubauten im Triebischtal gezogen; an der Einmündung zur Talstraße lag eine Jutespinnerei und Weberei. Die Straße selbst wurde ab 1876/77 abschnittsweise angelegt, 1877 kam die Triebischtalschule hinzu, 1883 die katholische Schule, 1885 bis 1887 die katholische Kirche St. Benno; der stadtauswärtige Abschnitt bis zur Talstraße wurde erst 1927 ausgebaut.

Die Familie wohnte also nicht in einem gewachsenen Altstadtquartier, sondern in einem neuen, noch dünn bebauten Erweiterungsgebiet, das mit der Industrie wuchs – Häuser, Schule, Kirche und Fabrik entstanden dort innerhalb einer einzigen Generation. Ob Heinrich Hermann Mittag in einem der Meißner Werke fest angestellt war oder als Monteur wechselnde Auftraggeber hatte, ist nicht bekannt und soll hier auch nicht vermutet werden.

Die Verbindung zur Familie Kießling

Die 1890 geborene Tochter Margarethe Elisabeth Mittag (1890–1968) wurde Schneiderin; für sie ist die evangelisch-lutherische Konfession überliefert, die in Sachsen die weitaus verbreitetste war. Sie heiratete Martin Kießling (1897–1963), Porzellanmaler und Bildhauer in Meißen, der aus einer Steinmetz- und Weberfamilie der Oberlausitz stammte. Dass die Ehe bestand, ist gesichert; ein Trauungsdatum ist nicht überliefert, sie muss vor 1925 geschlossen worden sein. Zwei in Meißen geborene Söhne gingen aus ihr hervor.

In dieser Ehe treffen zwei sächsische Industrielandschaften aufeinander: die Weberei- und Steinhauerlandschaft der südlichen Oberlausitz und das Meißner Manufakturviertel, in dem die Braut aufgewachsen war. Ausführlich dargestellt ist das auf der Seite Kießling.

Die Forschungsgrenze – und wo es weitergehen muss

Die Grenze liegt hier nicht in einem entlegenen Jahrhundert, sondern in der eigenen Generation: Von Heinrich Hermann Mittag und Louise Laura Moritz sind weder Geburts- noch Sterbedaten und keine Eltern bekannt. Beide sind damit die ältesten fassbaren und zugleich die am wenigsten belegten Personen dieser Linie. Immerhin ist die Lücke inzwischen genau vermessen, und die Wege dorthin sind bekannt:

Heiratsregister des Standesamts Meißen, vor August 1890. Das Schlüsseldokument. Standesamtliche Heiratseinträge nennen von beiden Brautleuten Alter, Geburtsort, Beruf, Wohnort und die Eltern. Ein einziger Eintrag würde die Herkunft beider Ehegatten klären und zugleich die Frage entscheiden, ob Meißen wirklich der Geburtsort ist.

Die Meißner Adressbücher der Jahrgänge 1885 bis 1900. Sie sind als Digitalisate zugänglich und ergeben eine Reihe von Wohnorten und Berufsbezeichnungen über die Jahre; das Häuserverzeichnis nennt zudem den Hauseigentümer und die übrigen Bewohner des Hauses. Zugleich bestimmen sie den Jahrgang des hier abgebildeten Eintrags.

Das Brandversicherungskataster im Stadtarchiv Meißen. Es klärt die Bedeutung des Zusatzes „G8", den Versicherungswert, die Bauform und die Eigentümerfolge des Grundstücks – und damit, ob die Familie zur Miete wohnte, was bei einem Facharbeiterhaushalt dieser Zeit die Regel war.Adressbucheintrag „Mittag, Herm., Monteur, Wettinstr. 21", Meißen. Ausschnitt aus einem Adress- und Geschäfts-Handbuch der Stadt Meißen, Jahrgang nach Januar 1891.

Kirchenbücher und Sterberegister Meißens. Für Taufe, Trauung und Tod beider Eheleute, sofern die Herkunft nicht ohnehin schon aus dem Heiratsregister feststeht.

Werksunterlagen der Meißner Industrie. Personal-, Lohn- und Belegschaftslisten wären der einzige Weg, die berufliche Laufbahn zu belegen. Ob für seinen Arbeitgeber – der noch zu bestimmen wäre – solche Unterlagen erhalten sind, ist offen.

Eine Warnung gehört dazu: „Mittag" ist in Sachsen kein seltener Name, und die Adressbücher führen mehrere Träger. Eine Person daraus ist erst dann sicher dieselbe, wenn neben dem Namen mindestens zwei weitere Merkmale übereinstimmen – Beruf, Anschrift, Familienangehörige – und kein Widerspruch bleibt. Der hier abgebildete Eintrag erfüllt das über Beruf und Straße; bei jedem weiteren Fund ist erneut zu prüfen.

Quellen, Literatur und Stand

Verwendet wurden: die Geburtsanzeige des Standesamts Meißen von 1890 (Urkunde, Original in Familienbesitz); ein Adressbucheintrag der Stadt Meißen, Jahrgang nach Januar 1891, genauer Band in Ermittlung; der Befund am Bau – das erhaltene Brandkatasterschild Nr. 651 am Gebäude Wettinstraße 21, fotografisch dokumentiert; die private Familiensammlung; ferner allgemein zugängliche Darstellungen zur Meißner Stadt- und Straßengeschichte, insbesondere das Stadtwiki Meißen (CC BY-SA 4.0) mit den Artikeln „Wettinstraße", „Triebischtal" und „Adressbücher der Stadt Meißen", dort nach Günter Naumann: Stadtlexikon Meißen, Sax-Verlag, Beucha 2009, sowie heimatkundliche Darstellungen zum sächsischen Brandversicherungswesen seit der Katastrierung von 1835.

Der nächste Ausbauschritt dieser Seite ist die Absicherung der stadt- und industriegeschichtlichen Aussagen an gedruckter Fachliteratur; vorgesehen sind dafür Karlheinz Blaschke, Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen, und Otto Walcha, Meißner Porzellan. Ergebnisse werden hier nachgetragen.

Nachkommen der dargestellten Personen werden auf dieser Seite nicht behandelt; Angaben zu ihnen bleiben der nicht veröffentlichten Familiensammlung vorbehalten. Angaben ohne Beleg sind als offen gekennzeichnet.

Stand: 2026-08-01.

 

Adressbucheintrag „Mittag, Herm., Monteur, Wettinstr. 21", Meißen. Ausschnitt aus einem Adress- und Geschäfts-Handbuch der Stadt Meißen, Jahrgang nach Januar 1891.

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