Schöpfungsethik
Biblische Texte und frühchristliche Autoren beschäftigten sich mit dem Verhältnis des Menschen zur übrigen Schöpfung — von den Schutzgeboten der Tora über die Tierdeutungen der Spätantike bis zur Naturbetrachtung der Kirchenväter. Die folgenden Beiträge stellen diese Quellen vor und ordnen sie in den Kontext aktueller Forschung ein.
RUHETAG FÜR DAS RIND – WAS EIN EINZIGER VERS IN EXODUS REGELT
Einer der ältesten Texte, die Geschöpfen einen eigenen Schutzanspruch zusprechen, steht nicht in einem modernen Gesetz, sondern in Exodus 23. Die Tora kennt zwei Verben für den ersten Auftrag des Menschen im Garten – abad (עָבַד), bebauen, und shamar (שָׁמַר), bewahren (Gen 2:15). In Exodus 23:12 wird diese Sprache konkret: An einem einzigen Gebot stehen Rind und Esel neben dem Sohn der Magd und dem Fremden. Die Arbeitstiere sollen ausruhen (nuach, נוּחַ), die Menschen Atem schöpfen (naphash, נָפַשׁ). Verschiedene Verben – aber ein Tag, ein Schutz.
Ob und wie Wirbeltiere empfinden, war in der Forschung lange umstritten. Proctor, Carder und Cornish bündelten 2013 zwei Jahrzehnte Evidenz in einer systematischen Übersicht und stärkten damit die Grundlage für ein Umdenken. Mellor schlug 2016 vor, die etablierten Five Freedoms der Tierwohlforschung durch ein umfassenderes Modell zu ersetzen: Lebewesen brauchen nicht nur Abwesenheit von Leid, sondern positive Erfahrungen. Was die Forschung als Maßstab formuliert – nicht bloß Schmerzfreiheit, sondern ein eigenständiger Anspruch auf Wohlergehen –, ordnete das Sabbatgebot bereits der Kreatur zu.
DER HIRSCH UND DIE SCHLANGE – WAS TIERBILDER BEWIRKEN
Die biblische Schöpfungsordnung kennt das Tier als Geschöpf — benannt, anvertraut, nicht gedeutet (Gen 2:19). Vermutlich im 2. oder 3. Jahrhundert entstand in Alexandria der Physiologus: rund 48 Kapitel über Tiere, Steine und Pflanzen, jedes als Gleichnis christlicher Wahrheit ausgelegt. Das Buch wurde neben der Bibel zum meistverbreiteten Text des Mittelalters. Ein Kapitel widmet sich dem Hirsch: Er wittert die Schlange in ihrer Erdspalte, speit Wasser hinein, zieht sie heraus und zertritt sie. Der Physiologus bezieht die Szene auf Ps 42:2 und folgert: So vernichtet Christus den Teufel mit himmlischer Weisheit. Die Kreatur verschwindet hinter der Allegorie — nicht mehr Mitgeschöpf, nur noch Sinnbild.
Studien aus der Naturschutzforschung zeigen, welche Folgen solche Deutungsmuster haben können. Angst, Ekel und kulturell tradierte Negativbilder erweisen sich als Prädiktoren für geringe Toleranz gegenüber bestimmten Tierarten. Eine Erhebung aus Nordghana (Musah et al. 2022) analysierte 20 verbreitete Mythen über Schlangen: Nur rund 40 Prozent hatten eine belegbare zoologische Grundlage. 70 Prozent wurzelten primär in kulturell tradierter Angst.
Der Physiologus wollte Theologie lehren, nicht Zoologie. Doch sein Verfahren macht eine Dynamik sichtbar, die die Forschung heute empirisch beschreibt: Wo Erzählungen Lebewesen negativ besetzen, sinkt die Bereitschaft, sie zu schützen. Die Schöpfungsordnung legte im Auftrag an den Menschen bereits an, das Lebendige um seiner selbst willen zu achten — die Befunde stützen diesen Blick von der Gegenrichtung.
WAS BASILIUS VON DEN BIENEN LERNTE – EIN KIRCHENVATER BEOBACHTET DIE NATUR
Um 378 hielt Basilius von Caesarea neun Predigten über die Schöpfungstage — das Hexaemeron. Was überrascht: Statt die Lebewesen nur allegorisch auszulegen, beobachtete er sie. Er beschrieb, wie Bienen ihre Waben in geometrischer Ordnung bauen und wie eine unter ihnen den Schwarm führt. Er schilderte Zugvögel, die in Formation fliegen und ihren Anführer ablösen, wenn er ermüdet. Er sprach über Fische, die ihren Nachwuchs bewachen, und über Igel, die Trauben auf ihren Stacheln sammeln — ein Detail, das er vermutlich aus der naturkundlichen Überlieferung des Plinius übernahm, ohne ihn zu nennen.
Basilius nutzte diese Beobachtungen theologisch. In der achten und neunten Homilie argumentierte er: Wer die Geschöpfe aufmerksam betrachte, erkenne in ihnen Fürsorge und Ordnung — und darin den Schöpfer. Er wandte sich ausdrücklich gegen eine rein allegorische Lesart der Genesistexte: Gras sei Gras, Fisch sei Fisch. Die Natur verweise nicht auf etwas anderes — sie verweise auf ihren Ursprung. Die allegorische Tradition — geprägt von Origenes — sah in Tieren vor allem Symbole. Der Kappadokier bestand darauf, zuerst hinzusehen. Sein Hexaemeron wurde zu einem der meistkopierten Texte der Spätantike. Ambrosius von Mailand übernahm es wenige Jahre später als Vorlage für seine eigene Predigtreihe — ein Beleg für die Reichweite dieses Zugangs.
Bemerkenswert für einen Autor des 4. Jahrhunderts: Er behandelte Fauna nicht als bloße Sinnbilder, sondern beschrieb ihr Verhalten als Zeugnis einer Ordnung, die Staunen verdient. Die moderne Ethik verwendet andere Begriffe. Aber die Haltung — genaues Hinsehen als Voraussetzung für Achtung — verbindet seine Predigten mit einer Frage, die heute ebenso aktuell ist wie damals.
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Literatur: Basilius von Caesarea, Homilien über das Hexaemeron (BKV, Universität Freiburg). Basilius von Caesarea, The Hexaemeron (NPNF, CCEL). Macé, Caroline / Gippert, Jost (Hg.), The Multilingual Physiologus (Brepols, 2021). Mellor, David J., Updating Animal Welfare Thinking: Moving beyond the »Five Freedoms« towards »A Life Worth Living« (Animals/MDPI 6/3, 2016). Musah, Yahaya et al., Ophidiophobia, myth generation, and human perceptions (Human Dimensions of Wildlife 27/4, 2022)