SCHRIFTKULTUR
Wie Texte entstehen, überliefert und als verbindlich durchgesetzt werden – davon handeln die Beiträge in diesem Bereich. Sie führen von den konkreten Bedingungen antiker Schreibarbeit über die Frage nach Verfasserschaft bis zur Entstehung des neutestamentlichen Kanons.
TERTIUS, DER SCHREIBER — WIE PAULUS SEINE BRIEFE VERFASSTE
Im Römischen Reich konnten schätzungsweise nur zehn Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben. Fortgeschrittene Schreibkenntnisse lagen fast ausschließlich bei ausgebildeten Fachleuten – sogenannten Amanuenses, die im Kurzschriftdiktat ausgebildet waren, den Text anschließend in Buchschrift übertrugen und zur Kontrolle vorlasen. Viele von ihnen waren versklavt. Das war keine Ausnahme; es war die Normalität im Römischen Reich. Paulus nutzte dieses gängige Kommunikationssystem.
Im Römerbrief meldet sich ein gewisser Tertius – lateinisch »der Dritte« – als derjenige zu Wort, der den Brief physisch niederschrieb (Röm 16:22). Zahlennamen wie Primus, Secundus oder Tertius begegnen im 1. Jahrhundert besonders häufig bei versklavten Personen in Rom. Dass Tertius sich hier selbst zu Wort meldet und Paulus diesen persönlichen Gruß ausdrücklich einschließt, spricht für das Vertrauen, das Paulus seinem Mitarbeiter entgegenbrachte. Mehrfach vermerkt Paulus zudem eigens, dass er mit eigener Hand schreibe (Gal 6:11; 1 Kor 16:21; Kol 4:18) – ein Hinweis darauf, dass er in diesen Passagen das Schreiben selbst übernahm, es sonst aber delegierte.
Eusebius von Cäsarea berichtet, dass Origenes von Alexandria (um 185–254) beim Verfassen seiner Werke auf mehr als sieben abwechselnde Schnellschreiber sowie ebenso viele Buchschreiber zurückgriff (KG VI,23,1). Schreiber waren dabei keine bloßen Diktatmaschinen. Sie transkribierten, kopierten und trugen Briefe zu den Empfängergemeinden – wo sie die Texte mitunter vorlasen und mündlich erläuterten. Tychikus etwa begleitete Briefe des Paulus und vermittelte seinen Gemeinden deren Inhalt persönlich (Eph 6:21; Kol 4:7).
Tertius ist das seltene Beispiel, dass eine dieser Hände einen Namen trägt – und von Paulus bewusst sichtbar gemacht wurde. In einer Welt, in der Schreibarbeit standardmäßig delegiert wurde, erzählt dieser Gruß am Briefende von der konkreten Gemeinschaft, durch die Gottes Wort seinen Weg in die Gemeinden fand.
WER SCHRIEB DEN HEBRÄERBRIEF? — WAS DIE ERSTEN CHRISTEN WUSSTEN
Der Brief selbst nennt keinen Verfasser. Nur der Schluss enthält persönliche Bemerkungen: Der Autor hofft, die Adressaten bald zu sehen, und grüßt zusammen mit Timotheus. Das deutet auf den Kreis um Paulus hin, doch wer genau schrieb, bleibt offen.
Im Osten gehörte der Hebräerbrief von Anfang an zum Kanon. Ende des zweiten Jahrhunderts galt er in Ägypten als Brief des Paulus. Clemens von Alexandria erklärte die Unterschiede im Stil so: Paulus habe auf Hebräisch geschrieben, Lukas den Text dann sorgfältig ins Griechische übersetzt. Im Westen sah man es anders. Irenäus, Tertullian und Hippolytus erkannten den Brief nicht als paulinisch an. Erst im vierten Jahrhundert wurde er auch dort in den Kanon aufgenommen.
Die alte Theorie eines hebräischen Originals lässt sich nicht halten. Sprache und Stil beweisen, dass der Brief von Anfang an auf Griechisch verfasst wurde – in einem kultivierten Griechisch, das Vertrautheit mit rhetorischer Schulung zeigt. Der Autor hatte eine rhetorische Ausbildung genossen und kannte die antike Kultur.
DIE BIBEL DES HEBRÄERBRIEFES
Dass der Brief von Anfang an auf Griechisch verfasst wurde, zeigt sich auch an seiner Bibelnutzung. Der Autor zitiert das Alte Testament durchgehend aus der griechischen Übersetzung. Das war die Bibel der griechischsprachigen Gemeinden und der ersten Christen.
Bemerkenswert ist, wie der Autor diese Zitate einleitet: »Gott spricht« (1:5), »der Heilige Geist sagt« (3:7), »darum spricht Christus« (10:5). Er zitiert also nicht einfach einen alten Text. Er versteht die Schrift als lebendiges Reden Gottes.
Ein Beispiel: In Hebräer 10:5 hören wir die Worte Christi bei seinem Eintritt in die Welt: »Einen Leib hast du mir bereitet.« Diese Formulierung steht so nur in der griechischen Fassung von Psalm 40. Der hebräische Text lautet anders: »Ohren hast du mir gegraben.«
Der Verfasser zitiert die griechische Fassung. Das ist kein Sonderfall: Die griechische Übersetzung des Alten Testaments war die Bibel der frühen Christen. Alle neutestamentlichen Autoren zitierten daraus. Und alle Schriften des Neuen Testaments sind auf Griechisch überliefert. Zwar berichtet eine alte Tradition, Matthäus habe sein Evangelium zunächst auf Hebräisch verfasst. Doch der erhaltene Text zeigt keine Merkmale einer Übersetzung. Die meisten Forscher gehen heute davon aus, dass auch Matthäus ursprünglich griechisch schrieb.
NEUE PAPYRI AUS ÄGYPTEN VERÖFFENTLICHT — FRÜHE CHRISTLICHE TEXTE AUS OXYRHYNCHUS
Oxford-Forscher haben 2025 den 88. Band der Oxyrhynchus-Papyri publiziert. Er enthält bedeutende frühchristliche Funde aus dem ägyptischen Müllhaufen, der seit über 100 Jahren Textschätze liefert.
Besonders wertvoll: zwei neue Manuskripte von Melitos »Peri Pascha« (Über das Pascha). Melito war Bischof von Sardes im 2. Jahrhundert und verfasste um 160–170 n. Chr. diese Osterpredigt. Sie bezeugt den Glauben der frühen Christen an Jesu stellvertretendes Opfer: »Ich bin euer Loskauf, ich bin das Pascha des Heils, ich bin das Lamm, das für euch geschlachtet wurde.«
Daneben wurden Fragmente der Septuaginta (Genesis, Exodus) publiziert – weitere Zeugnisse dafür, wie früh und sorgfältig die biblischen Texte kopiert und verbreitet wurden.
Von den geschätzten 500.000 geborgenen Fragmenten sind bisher rund 6.000 publiziert – gut 1 %. Allein über 80 weitere Septuaginta-Texte warten noch auf Veröffentlichung. Jeder neue Band kann Überraschungen bergen.
DAS MURATORISCHE FRAGMENT — DIE ÄLTESTE BEKANNTE LISTE NEUTESTAMENTLICHER SCHRIFTEN
Wie wurde aus einer Sammlung einzelner Briefe und Evangelien das »Neue Testament«? Ein verstümmeltes Dokument aus der Mailänder Ambrosiana-Bibliothek gibt den frühesten Einblick in diesen Prozess.
1740 entdeckte der italienische Gelehrte Ludovico Antonio Muratori in einem lateinischen Codex aus dem 7. oder 8. Jahrhundert ein merkwürdiges Textstück: 85 Zeilen in holprigem Latein, am Anfang und vermutlich auch am Ende abgebrochen. Das Verzeichnis listet neutestamentliche Schriften auf, kommentiert ihre Herkunft und begründet, warum sie in der Gemeinde vorgelesen werden dürfen – oder nicht.
Was steht drin? Der Anfang fehlt. Der erhaltene Wortlaut setzt mitten im Satz ein, vermutlich bei Markus. Dann folgen: Lukas als drittes Evangelium, Johannes als viertes, die Apostelgeschichte, dreizehn Paulusbriefe, der Judasbrief, zwei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes. Dazu wird die Offenbarung des Petrus erwähnt – allerdings mit dem Vermerk, dass einige sie nicht im Gottesdienst vorlesen wollen. Auch die Weisheit Salomos erscheint auf der Liste.
Ebenso aufschlussreich ist, was fehlt: Kein Hebräerbrief, kein Jakobusbrief, kein 1. und 2. Petrusbrief. Ob sie im verlorenen Anfang oder Ende standen, lässt sich nicht klären. Ausdrücklich abgelehnt wird der Hirte des Hermas – mit der bemerkenswerten Begründung, er sei ganz vor kurzem, zu unseren Zeiten verfasst worden und dürfe daher nicht unter die Propheten oder Apostel gezählt werden – sowie marcionitische und gnostische Schriften.
Wann entstand das Fragment? Hier gehen die Meinungen auseinander. Die traditionelle Datierung setzt es ins späte 2. Jahrhundert, um 170–200. Der Hinweis auf Hermas, der ganz vor kurzem geschrieben habe, und die Erwähnung des Gemeindeleiters Pius von Rom (ca. 140–154) als Zeitgenossen des Hermas stützen diese Einordnung. Albert Sundberg und Geoffrey Hahneman haben dagegen eine Datierung ins 4. Jahrhundert vorgeschlagen – unter anderem wegen des lateinischen Sprachcharakters und der Ähnlichkeit mit späteren Kanonlisten. Die Mehrheit der Forschung hält an der frühen Datierung fest, doch die Debatte ist nicht abgeschlossen.
Was das Fragment in jedem Fall zeigt: Die Frage, welche Schriften verbindlich sind, wurde nicht erst auf Konzilien des 4. Jahrhunderts gestellt. Schon deutlich früher unterschieden Gemeinden bewusst zwischen apostolischen Schriften und späteren Dokumenten. Das erkennbare Kriterium: Was auf die Apostel oder ihre direkten Mitarbeiter zurückging, hatte Autorität. Der Hirte des Hermas war geschätzt, aber zu jung. Marcion und die Gnostiker galten als Fälscher. Das Muratorische Fragment dokumentiert eine Gemeinde, die ihren Kanon nicht willkürlich zusammenstellte, sondern nach nachvollziehbaren Grundsätzen prüfte.
GRIECHISCH VON ANFANG AN – WARUM DAS NEUE TESTAMENT NICHT ÜBERSETZT WURDE
Das Neue Testament entstand in der Koine – nicht als Übertragung aus einer semitischen Vorlage, sondern als eigenständige Komposition. Dass Jesus aramäisch sprach, bestreitet niemand. Dass seine Jünger in einer mehrsprachigen Region lebten, ebenso wenig. Galiläa lag an internationalen Handelsrouten zwischen Phönizien und der Dekapolis. Inschriften, Verwaltungsdokumente und Münzprägungen durchzogen die Region. Unter den Zwölf trugen Andreas und Philippus hellenische Namen. Stanley Porter zeigte anhand epigraphischer und literarischer Funde, dass Koine und Aramäisch in Judäa und Galiläa im 1. Jahrhundert weit enger nebeneinanderstanden, als die ältere Forschung angenommen hatte. Die Frage ist nicht, ob in der Landessprache gepredigt wurde – sondern in welcher die Verfasser ihre Texte niederschrieben.
Die Antwort geben die Schriften selbst. Wenn das Markusevangelium Worte Jesu im Aramäischen wiedergibt – Talitha kum, Ephphatha, Eloi, Eloi –, verdolmetscht es sie für seine Leser (Mk 5:41; 7:34; 15:34). Wäre es die Wiedergabe eines semitischen Originals, bräuchte es keine Erklärung. Gerade weil das Aramäische erklärungsbedürftig war, schrieb der Verfasser nicht darin. Die Glossen sind Übersetzungshilfen – nicht Spuren eines verlorenen Quelltexts.
Die Autoren des Neuen Testaments lasen ihre Bibel in der Septuaginta. Wo sie das Alte Testament anführen, folgen sie dem Wortlaut der LXX, nicht dem hebräischen. Die Apostelgeschichte berichtet, dass Jakobus beim Apostelkonzil seine Entscheidung zur Öffnung für die Völker auf Am 9:11–12 in der Fassung der LXX stützt (Apg 15:16–17). Der hebräische Wortlaut spricht davon, den Rest Edoms in Besitz zu nehmen – die LXX formuliert, dass die übrigen Menschen den Herrn suchen werden. Der vorliegende Text argumentiert in der Koine – und die früheste Gemeinde überlieferte ihn genau so. Die Sprache der Niederschrift ist die Sprache der Überlieferung.
Auch die Berufung auf Papias lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Laut Eusebius berichtete er, Matthäus habe die Worte Jesu hebraïdi dialektō zusammengestellt (Kirchengeschichte III,39,16). Was Papias mit diesem Ausdruck meinte, bleibt seit Jahrhunderten umstritten. Das erhaltene Matthäusevangelium zeigt durchgehende literarische Abhängigkeit von Markus und zitiert das Alte Testament nach der LXX. Eine hebräische Urschrift ist nie aufgetaucht – weder als Handschrift noch als Fragment.
Paulus, geboren in Tarsus, verfasste sämtliche erhaltenen Briefe in der Koine – selbst den Römerbrief an eine Gemeinde in der lateinischen Hauptstadt des Imperiums. Über 5.800 Manuskripte überliefern das Neue Testament in der Originalsprache.
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Literatur: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte (BKV). Hahneman, The Muratorian Fragment and the Development of the Canon (1992). Karrer, Der Hebräerbrief, in: Ebner/Schreiber (Hg.), Einleitung in das Neue Testament (2020). Köster, Introduction to the New Testament, Vol. 2 (1982). Konstantinidou/Henry, P.Oxy. 5634: Melito, On Pascha 1–5, in: The Oxyrhynchus Papyri Vol. LXXXVIII (2025). McCormick, Enslaved Scribes and the New Testament, in: Bible History Daily (2026). Muratorisches Fragment, lateinischer Text und englische Übersetzung (Early Christian Writings). Nongbri, Unpublished Christian Papyri from Oxyrhynchus (2019). Sundberg, Canon Muratori: A Fourth-Century List, in: Harvard Theological Review 66 (1973). Ong, Hughson T., The Language of the New Testament (JGRChJ 12, 2016). Porter, Stanley E., Did Jesus Ever Teach in Greek? (Tyndale Bulletin 44.2, 1993)